soziologisch

Themen, die mich bewegen

“Weltbestseller” Das Kapital*)

von Richard Albrecht

Im Anschluss an die Sammelbesprechung Marx zur Einführung[1] geht es hier um drei Buchneuerscheinungen. Sie erinnern an Karl Marx´ vor 150 Jahren erschienenes Hauptwerk Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie (1. Band. Buch 1: Der Produktionsprozeß des Kapitals).[2]. Vorzustellen zwei herkömmliche Sammelbände und ein neuer Zugang zum Buch der Bücher. Sie werden hier sine ire et studio ohne Ansehen von Personen kurz und kritisch besprochen.

Krätkes Kritik der politischen Ökonomie heute schließt an ein halbes Dutzend aktueller Über-Marx-Bücher von Autoren wie Bischoff, Harvey, Böning, Schmidt, Altvater und anderen im vsa-Verlag an. Der Autor (Jg. 1950) ist Soziologe und lehrt Politische Ökonomie an der Universität Lancester. Sein Buch enthält fünf (teilweise hier auf Deutsch ersterschiene) Aufsätze der letzten zwölf Jahre. Sie kreisen alle um dessen Kritik der politischen Ökonomie damals und heute. Und wirken auch wo und wenn sie originell sein wollen stets bemüht, gelegentlich rechthaberisch und in einer – zugegeben: elaborierten – Weise ableitungsmaxistisch, erinnern insofern an Texte der Marxistischen Studiengruppen seit Anfang der 1970er Jahre aus Westberlin. Eigenständige Forschungen zu bisher weiterführenden, aufklärenswerten Aspekten des Kapital und im Kapital (wie von mir en détail vor zehn Jahren versucht[3]) fand ich in diesem exegetischen Sammelsurium ebensowenig wie relevante Versuche, Marx lesbar vorzustellen.

Greffraths Sammelband RE: Das Kapital versteht sich als Aufsatzsammlung zur Politischen Ökonomie im 21. Jahrhundert und hommage zum Kapital nach 150 Jahren. Das Buch beruht auf der Deutschlandfunk-Sendereihe Essay & Diskurs 2016/17. Es gibt elf Texte teilweise prominenter marxistisch orientierter Autoren wie Wagenknecht über Marx als „genialen“ Prognostiker, Streeck über die bis heute anhaltende Gewalt der ´ursprünglichen´ Kapitalakkumulation, Mason über Technik und Postmodernismus sowie weitere von Altvater, Holloway, Harvey, Balibar und anderen. Vermutlich unfreiwillig enthüllend wirkt das Hg.-Verständnis von Mehrwert. Dieses Zentralkonzept der Marx´schen Theorie wird im ersten Kapitel auf fünfzehn Seiten vom Hg. (Jg. 1945), einem freischaffenden Feuilletonisten, abgehandelt. Dabei geht es vorwiegend um postmodernistisches Verständnis von Mehrwert als subjektivem Nutzen. Auch deshalb sei – mit Marx – ans Verhältnis von Mehrwert und Kapital erinnert: „Das Produkt der kapitalistischen Produktion ist nicht nur Mehrwert, es ist Kapital. Kapital ist […] sich selbst verwertender Wert, Wert, der Wert gebiert. […] Dass der Produktionsprozess Kapital schafft, ist soweit nur ein andrer Ausdruck dafür, dass er Mehrwert geschaffen hat.“[4]

Der letzte Titel dieser kleinen tour d’horizon zum Kapital ist eine mich ansprechende Broschüre, zu der sechs Autor(inn)en – alle langjährig aktiv in der historischen deutschen Arbeiterbewegung bzw. Spitzenfunktionäre der politischen Partei Die Linke – als Hg. und mit Vor- und Nachworten beitrugen. Kern des Bändchens sind von Burghard Hollstein (Jg. 1953) gestaltete und bequellte 22 Zitate nach dem Potpourrimuster: linke Seite eine Buchseite als Faksimilé aus Marx´ Buch, rechte Seite ein griffiges Marxzitat daraus nebst Marxillustration. Zwar stimmen nicht in jedem Fall die Seitenfaksimilés mit dem MEW-Band 23 überein (wie z.B. bei der Produktion des absoluten Mehrwerts) – gleichwohl ist es manchmal erhellend, mit einem Schlichtzitat wie Der Rock ist ein Gebrauchswert an Elementares wie die Dialektik von Gebrauchs- und Tauschwert (und mit richtiger Seitenzahl) erinnert zu werden. Das ist positiv originell. Der Rest sind aus-Anlaß-Meinungen von Wagenknecht, Gehrcke, Sperling/Fülberth, Werner und Reymann.

Bei allen Unterschiedlichkeiten im einzelnen haben alle drei hier angezeigten Neuerscheinungen eine Gemeinsamkeit: Sie haben mit (m)einem subjektmarxistischen Ansatz nicht nur nichts am Hut und sind wikipedia-konform, sondern auch: sie wissen im Gegensatz zu google nicht einmal, das es diesen Ende der Nullerjahre begründeten Subjektmarxismus[5] gibt …

Um die thematische Engführung dieses Kurzbeitrags nicht durch Rückgriffe und Erweiterungen (etwa aus der Deutschen Ideologie, dem Manifest der Kommunistischen Partei, der Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie, den Grundrissen und anderen Texten) aufzusprengen – nur wenige spezielle Hinweise zur Bedeutung des 1867 ersterschienenen ersten Kapital-Bands, auf die ich bereits früher aufmerksam machen konnte und die ich immer noch im Sinne handlungsleitenden eingreifenden Denkens zur Analyse und Kritik des entwickelten Metropolenkapitalismus für wichtig halte – auch wenn sie hier als Kurzhinweise nur unsystematisch (insofern eklektisch) und ausgewählt (insofern selektiv) erscheinen mögen: Erstens die nach wie vor realexistierenden Bedeutungen der Hauptformen der Mehrwertproduktion – absolute und relative entsprechend der Unterschiedlichkeit formelle vs. reelle Subsumtion von Arbeit unters Kapital[6]; zweitens Pauperismus als universales (von Marx ´absolutes´ genanntes) Gesetz kapitalistischer Akkumulation[7]; drittens Technologie als Marx´ Schlüsselbegriff[8] und Zugang für das, was er Gesellschaft [9] nannte.

Ginge es über Marx´ ersten Band hinaus, wären auch dessen Funktionshinweise zu Kredit und Zins im kapitalistischen Produktionsprozeß[10] anzuführen. Und auch Marx´ analytische Hinweise etwa auf Arbeits-, Siedlungs- und Denkformen wie produktiv/destruktiv, Stadt/Land, körperlich/geistig, Hand/Kopf, wären zu erinnern und weiterzuführen …

 

*) Michael R. Krätke, Kritik der politischen Ökonomie heute. Zeitgenosse Marx. Hamburg: Verlag zum Studium der Arbeiterbewegung, 2017, 245 p., 19.80 €. – Mathias Greffrath (Hg.), RE: Das Kapital. Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert. München: Antje Kunstmann, ²2017, 200 p., 22 €. – Wolfgang Gehrcke; Christiane Reymann (Hg.), Das Kapital. Ein Buch der Bücher nicht nur für Linke. Köln: PapyRossa, 2017, 75 p., 10 €

 

[1] R.Albrecht, Marx zur Einführung; in; Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau, 35 (2012) 65: 103-107; gekürzt in: Aufklärung und Kritik, 20 (2013) I: 272-273 [und] Zeitschrift für Politik, 60 (2013) 3: 348-351

[2] Berlin 1962, 1967², 955 p. [Marx-Engels-Werke Bd. 23 = MEW 23]

[3] R.Albrecht, „…selbst auf Gefahr des Galgens“. Philologie-historische Dokumentation zu einem Marx-Zitat; in: ders., SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert. Aachen2008: 35-47

[4] K.Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses. Frankfurt/Main 1969: 84f.; Netzversion http://www.trend.infopartisan.net/trd0114/resultate.pdf [alle Linküberüberprüfungen 20.8.2017]

[5] R.Albrecht, Subjektmarxismus; in: soziologie heute, 3 (2011) 15: 20-23; ders. http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Subjektmarxismus.pdf

[6] R.Albrecht u.a., Wissenschaft und materielle Produktion; in: Aktuelle Materialien zur Klassenanalyse hochentwickelter Gesellschaften. Hg. AStA [und] SHB Freiburg, WS 1970/71: 45-50

[7] MEW 23: 673f.; R.Albrecht, Pauper(ismus). Zur Geschichte und Aktualität eines Zentralaspekts von „Neuer Armut“ und „Arbeitenden Armen“; in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 6 (2007) 2: 19-32; ders., Über Armut. Und über Armut hinaus; in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 13 (2014) II: 153-16; ders., http://www.labournet.de/wp-content/uploads/2013/10/armut_albrecht.pdf

[8] R.Albrecht, http://web.archive.org/web/20030608113349/http://www.richard-albrecht.de:80/kt-list.htm [Technology: Engl./Dt., im Anschluß an MEW 23: 392f., Anmerkung 89]

[9] R.Albrecht, Gesellschaft. Eine Einführung in soziologische Sichten; in: Aufklärung und Kritik, 21 (2014) II: 169-187; Netzversion http://www.gkpn.de/Albrecht_GESELLSCHAFT.pdf

[10] R.Albrecht, Banksterismus als/und geldwertbezogene Scheinwertschöpfung; in: soziologie heute, 5 (2012) 22: 32-35; ders. http://www.trend.infopartisan.net/trd1011/t501011.html

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