soziologisch

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Unabgegoltenes

Über (m)einen bisher erfolglosen Versuch, mithilfe des Utopischen Paradigma die Laufrichtung empi-rischer Sozialforschung zu verändern.

von Richard Albrecht

Nur das Gedächtnis ist produktiv, das nicht nur daran erinnert, was geschah, sondern auch daran, was noch zu tun ist. Ernst Bloch „Eine echte Utopie wäre nur das, was eine soziale Ordnung avisiert, die […] eine realistische Möglichkeit der Verwirklichung enthält und auf eine Gesellschaftsform hinzielt, in der Freiheit und Bindung, Staat und Individuen, einzelpersönliches Glück und Förderung des Gemeinwohl in einem sich wechselseitig verstärkenden Verhältnis zueinander stehen […] Utopie ist die edelste Manifestation einer gerechten Gesellschaftsordnung […] Was sie auszeichnet, ist nicht irgendein Wishful Thinking, sondern ein Änderungswille, der durchaus im Bereich der politischen, sozialen und ökonomischen Möglichkeiten bleibt. Utopie will keine andere, sondern eine bessere Welt. Sie ist nicht jenseitig, sondern stets diesseitig orientiert. Sie hofft nicht auf einen außerweltlichen Eingriff, sondern glaubt an eine vom Menschen durchführbare Umwälzung der bestehenden Verhältnisse. Sie will […] ein Gemeinwohl, das auf einer sozialen Ordnung beruht, bei der das Glück des einzelnen nicht mit dem Glück aller kollidiert.“[1]

Nach diesem wichtigen Hinweis des (von mir) geschätzten Linkintellektuellen und US-emigré Jost Hermand fasse ich zunächst meinen 1991 auf Englisch veröffentlichten Aufsatz zusammen. Der erste Teil der deutschsprachigen summary verweist auch auf eine Veränderungs- oder Innovationsperspek-tive; der zweite erinnert an die Gerechtigkeitsfrage als soziale Konstante[2]:

„Der Autor dieses Aufsatzes versucht in Form eines neuen Paradigmas eine alternative Perspektive für alle, die an zukünftiger kultur- und sozialwissenschaftlicher Forschung als sozial- und kulturwissenschaftlicher Zukunftsforschung interessiert sind, zu entwickeln. Zunächst geht es um die Aufarbeitung der so grundlegenden wie originellen Vorstellungen des deutschen Sozialphilosophen Ernst Bloch (1885-1977). Ernst Bloch wollte mit Hilfe einer mehrwertigen dialektischen Logik einerseits die traditionelle Aristotelische Logik überwinden und andererseits eine soziale Welt vorstellen, die voller Widersprüche zwischen Altem und Neuem, Gestern und Morgen, Nicht-Mehr- und Noch-Nicht-Sein existiert: Eine soziale Welt in ständiger Veränderung und damit grundsätzlich offen für verschiedene zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten. Die theoretischen Überlegungen Ernst Blochs erfordern […] einen anderen und differenzierteren wissenschaftlichen Zugriff zur mehrdimensionalen konzeptionellen Strukturierung gesellschaftlicher Prozesse und aller geschichtlich-gesellschaftlichen Lagen und Zeiten. Es geht um die grundlegende Vorstellung von konkret-historisch immer gegebener, empirisch sowohl offen als auch verdeckt vorkommender, Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen. Dieses komplexe Bild stellt nach Auffassung des Autors einen ernstzunehmenden human-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Näherungsversuch an bisher weitgehend un-sichtbare gesellschaftliche Entwicklungstendenzen dar. […]

Geht man […] davon aus, dass derzeit in allen westlichen Gegenwartsgesellschaften beschleunigte Wandlungs- und Umbruchprozesse stattfinden, dann erscheint die aktuelle soziale Welt grundsätzlich veränderbar und zukunftsoffen. Damit ist auch eine neue wissenschaftliche Perspektive für die Zukunft und in der Zukunft möglich und nötig. Es geht um die Konturen eines neuen, wenn auch derzeit empirisch noch nicht voll ausgebildeten Zivilisationsmodells als Grundlage einer zunehmend globaler werdenden neuen Welt […] Jedes neue Zivilisationsmodell meint aber zugleich auch eine andere soziale Ordnung, die mit dem empirisch immer bedeutsamer werdenden ‚emotionalen Überschuss‘ (mental surplus), den es in jeder Gesellschaft gibt, strukturell zusammenhängt. Damit dürfte sich zukünftig – und zunehmend – auch wieder ein altes menschliches Grundproblem neu stellen: Wie eine gerechte(re) Sozialordnung möglich ist.“

Ausblickend soll es um Gründe der Erfolglosigkeit des Alternativansatzes, der bewußt an Hinweise von Marie Jahoda (1986)[3] anschloß, gehen: daß es bei Sozialwissenschaft, die diesen Namen verdient, vordringlich darum geht, gesellschaftlich Unsichtbares sichtbar zu machen zur Überwindung des (auch von Niklas Luhman bemerkten[4]) elenden post-festum Status des soziologischen Hinterherlaufens durchs Aufdecken von Prozessen „latenter Potentialität“[5] in der Perspektive einer „projektiven Soziologie“.[6] Dabei möchte ich in spiegelbildlicher Sicht jeder soziologischen „Kritik des Erfolges“[7] nicht auf der Ebene zutreffender Einzelheiten (etwa wer zu früh kommt, den bestraft die Wissenschaftlergemeinde; publikationsstrategische Fehlplacierung; fehlende Autorenprominenz; Mißachtung des Zeitgeistes; Desinteresse (an) der mainstreamigen scientific community…) verweilen; vielmehr mutmaßen: die Rezeptionssperre wirkt, auch als Sperre möglicher Leser und/als Interessenten, auf der Ebene der Besonderheit: Alternativkonzept und handlungsbezogener Perspektive unter-liegt eine andere Forschungslogik und eine Handlungsperspektive, die bis heute Rezeptionsprozesse verhindert/e, genauer: sozialwissenschaftliche Innovationsphobie als besondere Erscheinungsform all-gemeiner Neophobie, der Angst vor Neuem.

Um alles Weitere, auch das praktisch Liegengebliebene[8], mögen sich „die Nachgeborenen“ (Bertolt Brecht) kümmern. Oder´s weiter (liegen) lassen …

Literatur:

[1] Jost Hermand, Orte. Irgendwo. Formen utopischen Denkens. Königstein/Ts. 1981: 7f.; zum Autor Richard Albrecht, Jost Hermand. Vom Kunsthistoriker zum Nationalismus. Über die Entwicklung eines Gelehrten; in: Auskunft, 33 (2013) I: 137ff.

[2] Richard Albrecht, The Utopian Paradigm. A Futurist Perspective; in: Communications, 16 (1991) 3: 283ff., Zitat 317f.; gekürzte Netzfassung der Einleitung http://www.grin.com/en/e-book/109171/tertium-ernst-bloch-s-foundation-of-the-utopian-paradigm-as-a-key-concept; ähnlich Eric Hobsbawm: „Soweit ich weiß, gibt es keine Gesellschaft ohne den Begriff der Ungerechtigkeit. Und daher soll es auch keine geben, in der man sich nicht gegen sie auflehnt.“ (Zwischenwelten und Übergangszeiten. Interventionen und Wortmeldungen. Hg. Friedrich-Marin Balzer; Georg Fülberth. Köln 2010, 240 p., Zitat 227); s. auch als Plädoyer für sozialwissenschaftlichen Nonkonformismus Richard Albrecht, GESELLSCHAFT. Eine Einführung in soziologische Sichten; in: Aufklärung und Kritik, 21 (2014) II: 169-187, hier 182f.; textidentische Netzversion http://www.gkpn.de/Albrecht_GESELLSCHAFT.pdf

[3] Marie Jahoda, The Social Psychology of the Invisible: An Interview; in: New Ideas in Psychology, 4 (1986) 1: 107ff.

[4] Niklas Luhmann, Veränderungen im System der gesellschaftlichen Kommunikation und die Massenmedien; in: Die elektronische Revolution. Hg. Oskar Schatz. Graz-Wien-Köln 1975: 13ff.

[5] Gregory Bateson, Minimal requirements for a theory of schizophrenia; in: Archives of General Psychiatry, 2 (1960): 477ff.; ders., Double bind, 1969: in: ders., Ökologie des Geistes. Frankfurt/M. ²1985: 353ff.

[6] Helmut Klages, Soziologie zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Köln-Opladen 1968, 70 p.

[7] Gustav Ichheiser, Kritik des Erfolges. Leipzig 1930, 65 p.

[8] Weiterführend Richard Albrecht, „Let´s change the system from within: first I take Mainhattan – and then you take Berlin …“ LAGESSKIZZE MIT METHODISCHER VORREDE UND PRAGMATISCHEM AUS-KLANG („FAKTOR 25“); in: Die Aktion, 97-100/1992: 1642ff.; gekürzt als Beitrag zum damaligen DGB-Grundsatzprogramm udT. Wer nicht arbeiten darf, soll wenigstens gut essen; in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 10/1996: 665ff.; Netzversion http://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/1996/1996-10-a-665.pdf ©Autor (2015)

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