soziologisch

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Theatralische Kulissenkultur

Mediengeschichtlicher Hinweis nach Hannah Arendt

von Richard Albrecht

Als politische Wissenschaftlerin hatte sich Hannah Arendt (1906-1975) auch politikgeschichtlich im Zusammenhang mit ihrer Deutung des Status gesellschaftlicher Paria(h)s mit Prominenz als medienvermittelter Bekanntheit und „Berühmtheit“ beschäftigt. Sie sah die Begründung in dem, was sie operettenhafte „theatralische Kulissenkultur“ der „Kulturberufe“ im allgemeinen und des „Theaterwesens“ im besonderen nannte und was später das „Starwesen“ Hollywoods ausmachen sollte, schon „vor seiner Verbreitung durch den Film“ in der Vorkriegsmetropole Wien und der „Kulissenkultur in Österreich […] vollständig vorgebildet“ und kritisierte die sich immer dann, wenn „das Theater
als Realität“ gilt, ergebende „Verkehrung und Verwechslung von Sein und Schein“: der mimischtheatrale „Maßstab der Größe ist ausschließlich der gegenwärtige Erfolg“. Jeder aufs Jetzt und Hier verkürzte „gegenwärtige Erfolg“ im „Kulturbetrieb“ verwechselt – so Arendt – auch „die Bedeutung von Autoren mit der Auflageziffer ihrer Werke“. Was sich als „Elite der Auserwählten“, „Kaste berühmter Männer“ und „Gesellschaft der Berühmten“ selbst verstehe und im „Kulturbetrieb“ dargestellt werde – sind nach Arendt „gesellschaftlich gesehen […] Parias“:
„Der Ruhm, der Erfolg, war ein Mittel gesellschaftlich heimatloser Menschen, sich eine Heimat, sich eine Umgebung zu schaffen.“
Insbesondere jüdische Schauspieler, Künstler, Intellektuelle, Autoren und Publizisten bedurften als „gesellschaftliche Paria“ des „schützenden Kleides des Ruhmes“ als „eine Art Heimatrecht in der internationalen Elite der Erfolgreichen“. Auch diese Zugehörigkeit erwies sich jedoch als Illusion. Die „internationale Gesellschaft der Berühmten“ wurde „das erste Mal im Jahr 1914 zersprengt, bevor sie 1933 endgültig unterging.“(1)

(1) Hannah Arendt, The World of Yesterday [1944]; zitiert nach: Die verborgene Tradition. Acht Essays.
Frankfurt/Main 1976: 74 ff., hier 83 f.; The Origins of Totalitarism [1951]; zitiert nach der letzten erweiterten
deutschsprachigen Ausgabe: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München-Zürich
1986: 102 ff., hier 106; vgl. auch Gustav Eichheiser, Kritik des Erfolges. Eine soziologische Untersuchung.
Leipzig 1930; Richard Albrecht, „Das totalitäre Phänomen“: Zur politischen Soziologie des Totalitarismus
der deutsch-jüdischen Autorin Hannah Arendt; in: soziologie heute 3 (2010) 12: 32-35;
ibid. (2010) 13: 36-38

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2 Kommentare»

[…] 2008 [ = Sozialwissenschaften], 110 p., 5-18 – ders., Theatralische Kulissenkultur. (2010): https://soziologisch.wordpress.com/2010/10/12/theatralische-kulissenkultur/ – Hartmut Krauss, Das umstrittene Subjekt der „Post-Moderne“; in: Hermann Kopp; Werner […]

  richard albrecht wrote @

Autorenhinweis auf (m)einen aktuellen Hannah-Arendt-Handbuch-Link

http://duckhome.de/tb/archives/9757-HANNAH-ARENDT-HANDBUCH.html


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