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Geld, Macht und Eliten – eine unheilige Allianz?

von Bernhard Martin (in: soziologie heute, April 2010)

Georg Simmel („Philosophie des Geldes“) und Emile Zola („Das Geld“) haben bis dato gültige Betrachtungen über den kulturellen Stellenwert von Geld in der europäischen Moderne hinterlassen. Wobei des einen Lebensphilosophie und des anderen literarisch dokumentierte Spekulation in zeitlos wahrhaftiger Kulturkritik enden: Geld als Gott. – Und die Eliten dieser globalisierten Welt mehren götzengleich mit aller Macht ihr Geldkapital. Die Finanz- und Wirtschaftskrise in den Staaten gilt – reduktionistisch betrachtet – als ursächliches Versagen der (westlichen) Machteliten. In ihren systembeherrschenden Funktionen werden sie der ethischen Verantwortung, finanzielle Verwerfungen politisch abzufedern, nur theoretisch gerecht. In der Praxis zahlen Mittelstand und Volk die Rechnung. – Demokratie und Republik werden durch Klientelismus und Nepotismus pervertiert.

Aus der allgemein wenig erfreulichen (Nachrichten-)Lage zur Republik stechen zwei Symptome Menetekel-artig heraus. – Zur Wahl des Bundespräsidenten im kommenden April sollte der Kandidat von eigener Gnade, Ulrich Habsburg-Lothringen, antreten dürfen. Lediglich die SPÖ trat dem plötzlichen ÖVP-Vorstoß, im Verfassungsausschuss des Parlaments die Zuerkennung eines passiven Wahlrechts für Angehörige der Familie Habsburg noch vor der Wahl vorzubereiten, entgegen. Man fragt sich: verteidigt die Sozialdemokratie wirklich das Staatsvermögen vor den Restitutionsansprüchen der ehemaligen Personalunion Österreichs – oder soll nur die Wiederwahl von „Ersatzkaiser“ Heinz Fischer sichergestellt werden?

Eliten und Macht in Europa
Neben undurchsichtigen Banken-Skandalen zeigt auch die politische Begleitmusik der Causa „Waffen-Graf“ Alfons Mensdorff-Pouilly, dass für „die Elite“ und ihre Büttel die Unschuldsvermutung doppelt gilt. – Auch der bekennende Landwirt Mensdorff-Pouilly dürfte George Orwells „Farm der Tiere“ bestens kennen: Das animalistische Gebot „Alle Tiere sind gleich“ wird in der Parabel durch die herrschenden Schweine mit dem Zusatz „aber manche sind gleicher“ ausgehebelt.

Der deutsche Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann hat 2007 einen internationalen Vergleich über Eliten in Europa veröffentlicht – die Daten seiner Sekundäranalyse umfassen insbesondere Eliten aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Justiz. Höchst bemerkenswert sind seine Folgerungen über die „Verlierer-Nationen“ Deutschland und Österreich, wo nach 1945 eine Restauration von (faschistisch geprägten) Eliten erfolgt ist. Mit Abstrichen geschah dies auch in Italien, wo jedoch noch vor Kriegsende eine schlagkräftige Opposition auftrat.

Bezeichnend sind Hartmanns Ausführungen dahingehend, dass in den genannten Ländern sowie in den Benelux-Ländern ein Elite-Status nicht in Folge der Absolvierung von Elite-Bildungseinrichtungen erlangt wird sondern aus dem klassenspezifischen Habitus heraus behauptet wird. – Quasi als ob der Besuch der – subventionierten (und korrumpierten) – Salzburger Festspiele/Osterfestspiele die Eliten-Zugehörigkeit schon sicherstellt.
  
Es überrascht wenig, dass lediglich die vier Skandinavier umfangreiche Studien über Funktionseliten im Staat (zuletzt 2004) beauftragten, während alle anderen westeuropäischen Staaten keine soziologischen Untersuchungen über ihre Eliten haben1). Für Eliten ist wesenhaft, dass sie sich vor (demokratischer) Kontrolle abschotten.

Restauration statt Reform
Die sehenswerte Ausstellung des Museums Wien „Kampf um die Stadt – Politik, Kunst und Alltag um 1930“ hat gezeigt, wie kulturelle Differenzierung – etwa in Wehrstand (Adel), Lehrstand (Klerus) und Nährstand (Bauern, Handwerk, Händler) – in die Sackgasse des christlichen Ständestaates führte. Damals wie heute sind Funktionseliten habituell von ihrer normierenden Macht des Faktischen berauscht, was demokratiefeindliche soziale Tatsachen im Staat reproduziert.

Geringe soziale und wirtschaftliche Mobilität ist die historische Konsequenz. Zumal in Österreich und nicht nur im Proporz-dominierten politischen Raum sondern auch in Verwaltung und Justiz: In der Ministerialverwaltung haben im Beobachtungszeitraum von 1979 bis 1995 nur 14 von 298 Abteilungsleitern „ihr“ Ministerium gewechselt2).

Wie nach der Monarchie das liberale Bildungsbürgertum von politischer Macht fern gehalten und sozialistische Bewegungen unterdrückt wurden, so werden heute unabhängiges Unternehmertum und zivilgesellschaftliche Organisationen gegängelt. Ein klientelistischer Kammer- und Verbändestaat, der sich fehlende demokratische Legitimität und gesellschaftliche Verantwortung von Regierung und Parlament verfassungsrechtlich absichern lässt.

Ein Silberstreif am Horizont?
Dass strukturelle Demokratie-Defizite und Staatsversagen korrelieren (nicht selten zum Vorteil privilegierter Klientel), tritt in Griechenland aktuell am deutlichsten zu Tage: Ein EU-Mitgliedsstaat, in dem jeder vierte im öffentlichen Dienst beamtet ist. Aufgrund eklatanten Elitenversagens wurde nun eine gemeinschaftsrechtliche Souveränitätsausübung für die griechische Finanz-, Sozial- und Wirtschaftspolitik notwendig. Über den Stabilitäts- und Wachstumspakt der Europäischen Währungsunion hinaus scheint eine „EU-Wirtschaftsregierung“ – wie aktuell von Frankreich und Deutschland thematisiert – unumgänglich, auf dass korrumpierte nationale Regierungen (und Eliten) gemäß internationalen Gerechtigkeitsstandards handeln.    

Denn auch Krisen und zahllose Skandale dürften an der elitären Selbstbedienung an Staat und Steuermitteln nichts ändern. – Schon Vilfredo Pareto („Kreislauf der Eliten“) war da begründet skeptisch. Es liegt in der Natur konservativer (Familien-)Verbände ihren Status zu erhalten, um die „Erbpacht“ zu sichern. Dagegen helfen nur Revolutionen. Doch derlei Anstöße zu demokratischer Entwicklung im Staat scheinen seit 1968 vorbei bzw. waren im untertänigsten Österreich nie erfolgreich. Von außen bleibt nur die Hoffnung EU doch gegen diese wird das Gezeter der „Krone“ immer lauter.

Literatur:
1) Hartmann M., Eliten und Macht in Europa – Ein internationaler Vergleich, 2007 Campus Verlag, Frankfurt/Main, S. 23
2) Ebd., S.143

Dr. Bernhard Martin ist freischaffender Mediensoziologe in Wien.

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