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Beobachten oder Mitgestalten? – soziologie morgen

Beitrag von Hugo Bachinsky (soziologie heute, Februar 2010)

Was die Aufgaben der Soziologie, der Sozialwissenschaft überhaupt, sind, wurde im Laufe der relativ kurzen Geschichte dieser neuen Disziplin unterschiedlich gesehen und auch heute noch existieren sehr verschiedene Ansichten. Bereits im berühmten Werturteilsstreit in den Sozialwissenschaften, der die Wiener Tagung des Vereins für Socialpolitik 1908 prägte und der besonders heftig zwischen den Kathedersozialisten auf der einen Seite und Max Weber und Carl Menger auf der anderen Seite ausgetragen wurde, ging es darum, ob und in welcher Weise sich Wissenschaftler in die Gesellschaftsgestaltung einmischen sollen.

Der große französische Soziologe Pierre Bourdieu hat immer wieder eine Lanze für die Einmischung gebrochen und die Mitgestaltung der verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche als Verantwortung der Soziologen bezeichnet, der angesehene deutsche Soziologe Richard Münch hingegen plädiert für eine konsequente Beobachterposition. Im Anschluss an Robert Lynd („Knowledge for What?“) müssen wir vielleicht in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschiedene Aufgaben der SoziologInnen unterscheiden, die auch arbeitsteilig geleistet werden könnten, aber zu einem Ganzen zu bündeln sind. Lynd meint, dass es Situationen gibt, in denen die Würde des Menschen zugrunde zu gehen droht und die – wenn überhaupt – nur mit Hilfe der Sozialwissenschaften adäquat erfasst werden können.

Nach der Erfassung dieser (unmenschlichen) Situationen sind entsprechende Maßnahmen zu ihrer Veränderung zu setzen, die von den Forschern (zunächst) angeregt werden müssen. Auch morgen werden die SoziologInnen vor diesem Aufgabendilemma stehen und ihre persönlichen Lösungen treffen müssen. Eine doppelte Frage ist sicher zu stellen und wird auch in Zukunft nicht leichter sein als bisher: Welche Situationen gefährden die Menschenwürde und wie können sie adäquat erfasst werden? Diese Situationserfassungen sind Voraussetzung für jedes Handeln, aber auch jede Situationserfassung bleibt unvollständig, wenn es nicht zu entsprechenden Handlungen kommt. Wir müssen sowohl die „richtigen Situationen“ finden als auch diese „richtig“ erfassen.

Beides ist schwierig und erfordert in Zukunft – mehr als bisher – entschlossenes und offenes Zusammenwirken möglichst vieler (unterschiedlicher) ForscherInnen in den Sozialwissenschaften. „Soziologie morgen“ könnte ein Forum werden, für das KollegInnen aus allen Bereichen gesellschaftliche Gefährdungspotentiale ermitteln bzw. ihre Erfahrungen mit diesen Potentialen weitergeben und auch Vorschläge zur adäquaten Erfassung machen und Anregungen zum Handeln geben.

Zunächst gilt es wichtige Trends, Megatrends und ihre Chancen- und Gefährdungspotentiale zu ermitteln, möglichst exakte (adäquate) Feststellungsmethoden zu entwickeln und selbst Gestaltungsvorschläge zu bringen oder zu solchen (fundiert) Stellung zu beziehen.

Alle LeserInnen werden gebeten, aufgefordert, genötigt uns ihre Meinungen über gesellschaftliche Zukunftstrends mitzuteilen, damit diese zur Diskussion gestellt werden können. Folgende drei Trends sollten in der nächsten Zeit behandelt werden: Globalisierung, Differenzierung und Individualisierung und alle Leser sind gebeten, ihre Prioritäten bezüglich dieser drei Trends unter office@soziologie-heute.at mitzuteilen. Auch weitere Anregungen sind willkommen.

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