soziologisch

Themen, die mich bewegen

SoziologInnen als ManagerInnen

Ich fasse für meine Überlegungen drei Ausgangspunkte ins Auge.

Erstens – und das ist eine berufsständische Beobachtung: eine größere Anzahl SoziologInnen sind in Non Profit Organisationen, der Gemeinwirtschaft oder (halb)öffentlichen (Verwaltungs)Institutionen – oftmals sehr erfolgreich – als ManagerInnen tätig, machen Karriere“ und bringen ihr spezifisches Wissen ein.

Zweitens – mittlerweile ein Gemeinplatz – wurden mit der finanz- und realwirtschaftlichen Krise nicht nur stur angewandter Shareholder-Values, sondern auch „klassische“ betriebswirtschaftliche Sichtweisen, Instrumente und Systeme, wenn schon nicht als untauglich, so zumindest als ungenügend demaskiert.

Drittens – und auf das fokussierte zuletzt auch der Diskurs bei den Alpbacher Wirtschaftsgesprächen – wird es ökonomisch und politisch für ein global konkurrenzfähiges Europa entscheidend sein, auf Infrastruktur sowie Bildung (als elementare „Standort“faktoren) und kulturelle ebenso wie soziale Dienstleistungen (eine Frage der Lebensqualität) zu setzen.

Nunmehr sind diese Zukunftsthemen solche, die zu hohen Teilen öffentlich bzw. halböffentlich initiiert, beauftragt und finanziert sowie vielfach in gemeinwirtschaftlichen Unternehmen (oder an der Schnittstelle von Staat und privatwirtschaftlichen Unternehmen) erbracht werden.

Es kann erwartet werden, dass in diesem Kontext die Frage nach Public Value in den Mittelpunkt rückt – ein Diskurs, der seit längerem um soziale, kulturelle, kommunale Dienstleistungen in den USA geführt wird und mit der Diskussion öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach Europa kam.

Gemeint sind damit – kurz gesagt – die Relevanz, der gesellschaftliche Bezug und die besondere Qualität, und somit die Legitimation gemeinwohlorientierter (Dienst)Leistungen.

Hier gewinnt (und hat in der eingangs angesprochen Gemeinwirtschaft schon gewonnen) nicht ein anderes, sondern ein erweitertes, umfassenderes Verständnis von Management an Bedeutung. Übliche betriebswirtschaftliche Tools greifen zu kurz und werden Unternehmen kaum gerecht, die nicht nur einem Markt und einem –  in der Regel nur mit finanzwirtschaftlichen Kennzahlen beschreibbaren – Ergebnis verpflichtet sind.

Es geht um Management von Leistungen höchster Qualität (bei steigendem Anspruchsniveau) im gesellschaftlichen Kontext, zumeist in der Folge einer politischen Entscheidung, eines (viel zu oft unklaren) politischen Auftrags bei gleichzeitiger Erreichung ökonomischer Vorgaben mit oftmals geringer werdenden Budgets.

Einige meiner Erfahrungen dazu sind:
– Ein systemisch-konstruktivistisches Verständnis ist nicht nur hilfreich, sondern essentiell im Verstehen der Auftraggeber/KundInnen und dem Strukturieren des eigenen Unternehmens.
– Gute ManagerInnen aus der gemeinwirtschaftlichen Welt beherrschen auch die Sprache und Methoden der Profit-Welt und bewegen sich sicher an den Grenzen dieser Welten. Vielfach kann ich erleben, dass dem gegenüber erfolgreiche Führungskräfte oder BeraterInnen z.B. aus der Industrie erhebliche Adaptionsprobleme zeigen, wenn sie auf Verwaltungen, Förderstellen, öffentliche Agenturen oder Ähnliches treffen – und am Übergang zwischen diesen Welten an Glanz verlieren.
– Das „Spiel“ mit unterschiedlichen Anspruchsgruppen ist wesentlich für erfolgreiches Schaffen von Public Value. Dies wird klar, wenn etwa bei der Gründung einer Geschützen Werkstätte für Menschen mit Beeinträchtigungen die Ansprüche von Landes- und KommunalpolitikerInnen, die Regeln und Bedürfnisse der Landesverwaltung, die Restriktionen öffentlicher Haushalte, die Ansprüche der NutzerInnen, die sowohl MitarbeiterInnen als auch KundInnen und Betreute sein können und zumeist gleichzeitig zu integrieren sind, aber ebenso die Forderungen von Betroffenenvertretungen und AnrainerInnen zu integrieren sind und dazu noch Industriekunden (es sollen ja verkaufbare Produkte erzeugt werden) mitbedacht werden müssen. Wie einfach ist es da, beispielsweise ein Konsumprodukt für eine eng begrenzte Zielgruppe zu erzeugen und zu vermarkten.
– Die Grenzen der herkömmlichen betriebswirtschaftlichen Instrumente, auch die einer Bilanz, werden dann klar, wenn angenommen bei einer sozialen  Dienstleistung – die etwa in einer mit Bundesmitteln errichteten Immobilie, erbracht wird – keine Wiederbeschaffungs-AfA im Pricing der Leistungen angesetzt werden kann, sondern für die in Jahren fällige Instandhaltung auf das – nennen wir es – politische Kapital der ManagerInnen und des Unternehmens und deren Networking-Potential vertraut werden muss. Aber das lässt sich schwerlich in einer Bilanz darstellen oder einem Aufsichtsratsmitglied erklären, das 30 Jahre Privatwirtschaft hinter sich hat.
 
Auch wenn in der Betriebswirtschaftlehre in den letzten Jahren eine solche der Non Profit Organisationen (leider zumeist nur ein Adaptieren der privatwirtschaftlichen Konzepte für die gemeinwirtschaftliche Fragestellungen) entwickelt wurde und auch wenn es in der öffentlichen Verwaltung eine Tradition gibt, Spitzenpositionen mit JuristInnen zu besetzen, meine ich, dass die input-output-fokussierte Betriebswirtschaftslehre und die in Kausalzusammenhängen denkende Rechtswissenschaft für diese Herausforderungen weniger umfassend vorbereitet als es Soziologie (oder auch andere Sozialwissenschaften), wenn sie gut gelehrt und gelernt ist, könnte.

Nicht, dass es die betriebswirtschaftlichen Instrumente nicht bräuchte – im Gegenteil – sie sind Handwerkszeug und Grundlage, aber eben zu wenig. Und nicht, dass SoziologInnen per se die besseren ManagerInnen der Gemeinwirtschaft wären, mehr -und davon bin ich überzeugt – Potential hätten sie.

Dazu stellen sich aber einige Fragen an Berufsverbände, Universitäten und uns SoziologInnen:

– Wie lässt sich Value Management, nicht im Sinne von Shareholder-, sondern von Public Value, theoretisch fassen?
– Wie kann Soziologie und Management in diesem Kontext diskutiert werden?
– Wie gelingt es, ein Selbstverständnis von und „Stolz“ auf gemeinwirtschaftliches oder Public-Value-Management zu entwickeln, das auf den besonderen und vielfach komplexeren Herausforderungen in diesem Sektor beruht?
– Welche Anforderungen leiten sich daraus für Soziologiestudium, soziologische Forschung und einen Theorie-Praxis Dialog ab?
Ich lade ein nachzudenken und zu diskutieren.

*) Dr. Christoph Jungwirth ist Soziologe und Geschäftsführer des Berufsförderungsinstituts Oberösterreich (BFI OÖ).

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